
Gedenkfeier in Creglingen zum 60. Jahrestag des Kriegsendes am 12. April 1945 / Erinnerung, Mahnung und Dankbarkeit
Creglingen. Im Vergleich mit den Nachbarstädten Weikersheim und Niederstetten ist Creglingen bei den schweren Kämpfen am Ende des zweiten Weltkrieges verhältnismäßig glimpflich davon gekommen. Trotzdem - oder auch gerade deshalb - hat die Stadt Creglingen jetzt der Ereignisse jener Tage im April 1945 gedacht.
Der Sinn der öffentlichen Veranstaltung auf der Tauberbrücke - die am 12. April vor 60 Jahren in die Luft gejagt worden war - lag nicht nur in der Erinnerung und Mahnung. Auch die Dankbarkeit über eine sechs Jahrzehnte währende Friedensphase kam in den Beiträgen zum Ausdruck.
Creglingens Bürgermeister Hartmut Holzwarth sprach vor zahlreichen Zuhörern aller Altersstufen von der gesprengten Tauberbrücke als "Symbol für die Zerstörungskraft des Nationalsozialismus und des Krieges an sich". Holzwarths Einschätzung zufolge schloss sich am 12. April 1945 für Creglingen ein Kreis: "So wie das Dritte Reich in Creglingen am 25. März 1933 mit Mord und Misshandlungen jüdischer Männer auf dem Rathaus mit einem terroristischen Paukenschlag begann, ging es mit einer lauten Explosion zu Ende" .
Zurück geblieben seien die vielfach traumatisierten Menschen, deren Erlebnisse keiner von den Jüngeren wirklich nachvollziehen könne. Auch deshalb, so das Stadtoberhaupt, "sind das Kriegsende und die Zeit davor ein Thema, das sich die noch Lebenden in Erinnerung riefen und wir Jüngeren, oft auch stellvertretend, mitverarbeiten".
Als die Brücke im September 1945 wieder aufgebaut war, konnten sie viele Menschen nicht mehr überschreiten: die ermordeten oder vertriebenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde ebenso wenig wie die im Krieg Gefallenen oder Vermissten. "Diese Brücke war für immer abgebrochen".
Die Ereignisse in Creglingen stünden symbolisch auch für die Zerstörungen und Todesopfer, die es in jenen Dörfern gegeben habe, die heute zu Creglingen gehörten, betonte Holzwarth. "Es ist dies der Moment, um innezuhalten. Die furchtbare Realität von Krieg darf nicht vergessen werden," sagte der Bürgermeister. Kein politisches Ziel rechtfertige Krieg, wie etwa im Irak. "Wir wünschen allen Menschen Frieden, die unter Kriegen, Terror und ihren Folgen zu leiden haben, sowie uns selbst", schloss Hartmut Holzwarth.
Der evangelische Pfarrer Christof Messerschmidt stellte die Frage nach der Schuld in den Mittelpunkt seiner Ansprache. Die "bittere Einsicht" laute, dass Schuld zum Leben gehöre. Und mit Schuld lasse sich nur leben, wenn sie vergeben werde, sagte der Pfarrer.
Fragen an die damalige Generation wie "habt ihr nicht gewusst, wer euch regiert", oder "habt ihr nicht gewusst, was da passiert?" seien im Nachhinhein leicht zu stellen. Solche Fragen seien aber auch nötig, um die Vergangenheit zu verstehen.
Gleichzeitig, so Messerschmidt, müsse sich die heutige Generation fragen: "Wie hätten wir uns verhalten? Hätte ich nicht auch noch eine Brücke gesprengt, wenn ich davon überzeugt gewesen wäre, das ist richtig, das ist mir befohlen?" Und welche Fragen würden einst die Enkelkinder stellen: "Habt ihr nicht gewusst, dass der Raubbau an der Schöpfung eines Tages auf euch niederschlägt? Habt ihr nicht gewusst, dass der Markt nicht alles ist?" Was werde einmal, so fragte der Pfarrer, "unserer Generation vorgehalten: Gleichgültigkeit? Bequemlichkeit?"
Neuntklässler der Hauptschule setzten sich in einem "Pausengespräch" intensiv mit dem Thema Krieg und Nationalsozialismus auseinander. Realschüler beleuchteten danach die letzten Kriegstage, berichteten von Zerstörung, Tod und von der Übergabe der Stadt durch Bürgermeister Johann Meder am 12. April 1945 abends (die Fränkischen Nachrichten berichteten hierüber bereits ausführlich). Außerdem verlasen die Schülerinnen die Namen aller im Zweiten Weltkrieg vermissten und gefallenen Creglinger Bürger.
Umrahmt wurde die Feier von der Stadtkapelle Creglingen. In das Schlusslied "Nun danket alle Gott" stimmten auch viele Besucher ein. Das Lied sei bewusst ausgesucht worden, sagte Pfarrer Christof Messerschmidt. "Denn Dank setzt das Wissen voraus, dass alles auch ganz anders hätte kommen können". abo
© Fränkische Nachrichten - 14.04.2005