
Zeitzeugen berichten: Am 12. April 1945 bewahrt Übergangs-Bürgermeister Johann Meder Creglingen vor Schlimmerem / Meders Tochter Anna erinnert sich
Creglingen. Der Orthopädie-Schuhmachermeister Johann Meder ist nur für kurze Zeit Bürgermeister von Creglingen. In seine lediglich rund 16 Monate dauernde Amtszeit fällt jedoch ein Datum, das für das Städtchen große Bedeutung hat: Am Donnerstag, 12. April 1945, gegen 18 Uhr übergibt Johann Meder im Beisein des zweiten Stadtpfarrers die Stadt an die vorrückenden Amerikaner und verhindert dadurch womöglich die Zerstörung seiner Gemeinde.
In die Luft fliegt jedoch, fast zeitgleich, die Tauberbrücke. Sie wird von den letzten deutschen Truppen gesprengt. Dabei stirbt eine ältere Dame aus Freiburg, die in Creglingen evakuiert war. Sie hat vermutlich die Warnrufe nicht gehört.
Anna Meder ist 19 Jahre alt, als ihr Vater Ende 1943 Bürgermeister von Creglingen wird. Sie arbeitet als Kanzleigehilfin auf dem Rathaus, trägt die Haupt-Verantwortung für die Verwaltung, die auch im Krieg zumindest einigermaßen funktionieren soll. Bürgermeister Willy Liebert ist bereits 1939 eingerückt und stirbt 1943. Sein Stellvertreter, Verwaltungsaktuar i. R. Louis Ebert, muss im Dezember 1943 ins Krankenhaus und bittet Johann Meder, ihn in der Zeit als Bürgermeister zu vertreten. Johann Meder sagt zu.
Als Louis Ebert im Dezember 1943 stirbt, behält Johann Meder das Amt inne, berichtet seine heute 80-jährige Tochter Anna Meder, die inzwischen Anna Wolf heißt. Warum die Wahl auf ihren Vater fiel? Vielleicht, weil sein Schuhmacherbetrieb direkt neben dem Rathaus lag, vielleicht, weil seine Tochter sich im Rathaus bestens
auskannte. "Die Hauptarbeit blieb an mir hängen," erinnert sich Anna Wolf. Zu tun gibt es viel. Lebensmittelkarten ausgeben, Protokolle schreiben, die Evakuierten und die Urlaubssoldaten registrieren. Sie ist zudem Ansprechpartnerin für das Landratsamt in Bad Mergentheim.
Anna Meder tut ihre Pflicht, aber sie macht sich damit nicht nur Freunde. "Ich musste auch eine so genannte Volkskartei anlegen, in der jeder Einwohner registriert war und in der die besonderen Fähigkeiten der Leute einzutragen waren. Die musste ich vor dem Einmarsch der Amerikaner verbrennen," erzählt Anna Wolf.
Aber auch die Pferde müssen in einer Liste genau beschrieben werden, denn die Tiere sind bei der Wehrmacht begehrt als Transportmittel. Im April 1945 ziehen immer mehr deutsche Truppen auf dem Rückzug durch Creglingen. Auch die Fliegerangriffe häufen sich. "Wir sind oft gar nicht ins Bett gekommen," berichtet Anna Wolf, die sich noch genau daran erinnert, wie eines Tages ein deutscher Offizier in der Tür steht. Er erzählt, dass sein Leutnant bei Kämpfen im nahen Bockstall gefallen sei, und er eine Bleibe für die Nacht suche.
"Wir haben ihn bei uns schlafen lassen. Jahre später kam er als Lehrer mit einer Schulklasse nach Creglingen und hat sich bedankt". Nicht alle Erfahrungen mit deutschen Soldaten sind allerdings positiv. Einmal geht das Gerücht um, mitten in der Nacht sei ein englischer Panzer-Spähwagen in Creglingen gesichtet worden. Daraufhin stellt ein deutscher Offizier den Bürgermeister zur Rede und verlangt Rechenschaft. Johann Meder weiß nichts von einem Spähpanzer.
Es kommt zu einer verbalen Auseinandersetzung. Als der Offizier dann Feuer von ihm verlangt, will ihm Meder keines geben. Die Situation eskaliert fast, denn der Soldat zieht plötzlich eine Waffe und droht, Meder zu erschießen. Seine Tochter steht daneben und spürt die Gefahr. "Irgendwie ist es uns gelungen, den Mann zu beruhigen," erinnert sie sich.
Am 6. April finden vier deutsche Soldaten bei einem Tieffliegerangriff den Tod. Am 8. April wappnen sich die Anwohner für die Sprengung der Tauberbrücke. Sie ist bereits zu diesem Zeitpunkt zur Zerstörung vorgesehen. Zwei junge Burschen aus Bad Mergentheim, deren Vater Lehrer in Creglingen ist, helfen dabei mit, die Brücke sprengfertig zu machen. Die Hausbesitzer entfernen die Fenster oder vernageln sie mit Bretter. Der Kampflärm wird lauter, doch niemand weiß so recht, wo die Front genau verläuft. Die Bauern trauen sich nicht mehr aufs Feld, aus Angst vor den Jagdbombern, die gezielt auf Pferdegespanne feuern, aber auch aus Angst, die deutschen Truppen könnten ihnen die Pferde wegnehmen. Der Volkssturm muss Panzersperren errichten, Straßen und Feldwege links der Tauber werden vermint und gesperrt.
Die schlimmste Nacht ist die vom 11. auf den 12. März. Durch Artilleriebeschuss werden 30 Häuser schwer beschädigt, die Stadtkirche erhält vier Volltreffer, wie Stadtpfarrer Heinrich Mohr de Sylva es nach dem Krieg schriftlich berichtet. Gegen Morgen explodiert am Ostende der Niederrimbacher Steige Munition. Mehrere Soldaten kommen ums Leben. Die Front ist jetzt nur noch zwei Kilometer von Creglingen entfernt. Die deutschen Truppen setzen sich am 12. April nachmittags aus Creglingen ab. Nur an der Brücke verharrt ein Posten. Die Stadt ist damit faktisch Niemandsland.
Die ersten amerikanischen Infanteristen werden gegen 18 Uhr am linken Tauberufer bei der Einmündung des Mühlbaches in die Tauber gesichtet. Etwa zur gleichen Zeit befindet sich Anna Meder vor dem Elternhaus an der Ecke Hauptstraße/Torstraße. Eine evakuierte Frau kommt von oben herbei gelaufen und ruft nach Anna Meders Vater. "Die Amis sind da, der Bürgermeister soll die Stadt übergeben," ruft sie aufgeregt.
Stehenden Fußes eilt Johann Meder die Torstraße hoch, der zweite Stadtpfarrer Wüst schließt sich ihm an. Er spricht einige Brocken Englisch. Meder übergibt die Stadt an die Amerikaner, so dass sie nicht weiter beschossen wird. Fast zeitgleich erschüttert eine schwere Detonation die Häuser in der Nähe der Tauberbrücke. Der Mittelteil der Brücke fliegt in die Luft, nachdem die Sprengladung gezündet worden war.
Eine aus einem Altersheim in Freiburg in Creglingen evakuierte ältere Frau hat die Warnrufe nicht gehört und kommt bei der Explosion ums Leben. Sie ist das Opfer einer militärisch sinnlosen Operation. Denn die amerikanischen Panzer fahren problemlos durch die seichte Tauber.
Nach der Besetzung müssen alle Schusswaffen abgegeben werden. "Ich sehe noch das Häuflein vor dem Rathaus liegen," berichtet Anna Wolf. Dabei ist auch eine Pistole, die in einem Geheimfach im Rathaus lag. "Mit dieser Waffe hatte sich einige Jahre zuvor bei Standorf ein Pärchen umgebracht. Die beiden hatten sich in einen Kreis aus Rosen gelegt und dann Selbstmord begangen", so Anna Wolf. Ihr Vater wird nach dem Einmarsch der Amerikaner abgesetzt, Karl Wölper zu seinem Nachfolger bestimmt. Auch Anna Meder wird nach einigen Tagen entlassen.
Die Soldaten, die im Urlaub sind, müssen sich sofort melden. Als ein Creglinger Soldat am 13. April über den "Stutz" flüchten will, wird er von US-Soldaten erschossen. Die damals sechsjährige Traudl Weingötz, die sich zu dieser Zeit auf einem Bauernhof unterhalb des Krankenhauses in Creglingen aufhielt, erinnert sich noch gut an diesen tragischen Moment. "Meine Schwester und ich sollten Kartoffeln zur Luftschutz-Dienststelle bringen, in der sich mein Vater und meine Mutter aufhielten. Wir nahmen unseren Seiher mit Kartoffeln in die Mitte und gingen aus dem Haus. Als wir gerade auf der zweiten Stufe waren, zischte plötzlich etwas glühend Heißes hinter unseren Köpfen vorbei. Wir ließen die Kartoffeln fallen und liefen schreiend ins Haus zurück". Die Kinder hatten großes Glück. Wären sie auf der obersten Stufe gestanden, wären vermutlich auch sie getroffen worden.
Der ehemalige Bürgermeister Johann Meder hat in der Folgezeit noch viel mit den Amerikanern zu tun. "Er musste für ihre Freundinnen Lederstiefel herstellen," erzählt Anna Wolf. Als das Leder ausgeht, fahren ihn die Amerikaner nach Bad Mergentheim, um Nachschub zu holen. "Da hat man in Creglingen getuschelt, ‘jetzt haben sie den Meder abgeholt’", so Anna Wolf. Eine öffentliche Würdigung hat es für ihren Vater nie gegeben. Die damals 48-jährige Margarete Böttiger allerdings, später als "Katzen-Margret" legendär geworden als Creglinger Original, hat Johann Meder auf ihre Weise gedankt: "Ich bete für ihn, weil er die Stadt kampflos übergeben hat".
Die Stadt Creglingen veranstaltet morgen um 19.30 Uhr eine Feierstunde auf der Tauberbrücke und will dabei dem Kriegsende und der seither währenden Friedenszeit gedenken. Arno Boas
© Fränkische Nachrichten - 11.04.2005